Hoffnung bei Nacht: Wie Kunst, Licht und Zivilcourage in Lüdenscheid eine Debatte über Freiheit und Gesellschaft eröffneten

In der Evangelischen Kirche Oberrahmede sprach der Architekt und Lichtexperte Thomas Schielke über Kunst als Form des gesellschaftlichen Widerstands – von Protestprojektionen in Los Angeles bis zu KI-Bildern aus dem Iran. Im anschließenden Gespräch wurde deutlich, was diese globalen Zeichen mit Lüdenscheid zu tun haben.

Hoffnung bei Nacht – Kunst, Freiheit und gesellschaftlicher Mut

Es ist dunkel in der Evangelischen Kirche Oberrahmede an diesem Freitagabend. Nicht nur draußen. Dr. Thomas Schielke beginnt seinen Vortrag mit der Feststellung, dass die Nacht nicht nur eine Tageszeit sei, sondern ein Zustand. Eine Metapher für eine Zeit, in der Nachrichten schwerer wiegen als Hoffnungen, in der Freiheit verletzlich erscheint und die Frage drängt, was bleibt, wenn Gewissheiten schwinden. Schielke spricht nicht über grelles Licht, das blendet. Er spricht über jenes Licht, das bleibt. Über Hoffnung.

Die Kirche ist gut gefüllt. Man sitzt dicht beieinander, als sei bereits diese Nähe eine leise Antwort auf das Thema des Abends. Schielke, Architekt und Experte für Lichtplanung, ist seit Jahren an der Schnittstelle von Gestaltung, Kunst und sozialem Wandel unterwegs. Sein Vortrag ist keine lineare Argumentation, sondern eine Reise durch Bilder, Interventionen, Projektionen, Zitate, Bücher und politische Ereignisse. Eine Bilderschau, die mehr Essay als Präsentation ist, mehr Kulturkritik als Fachvortrag.

Den Auftakt bildet Picassos „Guernica“. Mitten im Chaos dieses Weltbildes steht ein Kind mit einer Fackel. Kein heroisches Licht, keine Rettung, nur eine kleine Flamme. „Vielleicht ist das Hoffnung bei Nacht“, sagt Schielke. Es ist ein Gedanke, der den Abend trägt: Hoffnung beendet das Leid nicht, aber sie widerspricht der Dunkelheit.

Von dort führt er zu Caravaggios „Berufung des Matthäus“, zu jenem schmalen Lichtstrahl, der einen alltäglichen Raum in einen Moment der Entscheidung verwandelt. Kunst wird hier zum moralischen Resonanzraum. Nicht als Dekoration, sondern als Zumutung: Wären wir bereit, aufzustehen und ins Licht zu treten?

Projektion der Freiheitsstatue von Vjaybombs an einer Kreuzung in Los Angeles am Abend des 11. September 2025. Bild: VJayBomb

Licht als Widerspruch zur Dunkelheit

Was folgt, ist ein internationaler Parcours durch Orte, an denen Licht zur politischen Geste wird. Unter Autobahnbrücken in Los Angeles projiziert das Künstlerkollektiv VJayBomb die Freiheitsstatue auf einen Brückenpfeiler. Sie sinkt langsam ins Wasser, die Fackel bleibt an. Kein Denkmal, kein ikonischer Ort, sondern ein „Nicht-Ort“ aus Beton. Gerade dort erscheint das Symbol der Freiheit – verletzlich, nah, menschlich. Die Projektion dauert nur Minuten, doch sie verändert den Blick auf diesen Ort dauerhaft.

In Madrid protestieren Bürger als Hologramme vor dem Parlament, weil reale Versammlungen verboten sind. In Chile wird das Wort „Menschlichkeit“ an eine Hochhausfassade projiziert – und von Sicherheitskräften demonstrativ ausgelöscht, was die Botschaft erst recht in die Welt trägt. In Bochum steigen Drohnen auf und schreiben politische Botschaften in den Himmel. Kunst, so zeigt Schielke, ist hier nicht Dekor, sondern Handlung. Nicht Illustration, sondern Intervention.

Immer wieder geht es um Mut. Nicht den heroischen, sondern den leisen Mut des Ankommens, des Hinschauens, des Losgehens, des Standhaltens, des Erzählens neuer Geschichten. Zitate von Luisa Neubauer, Maja Göpel, Daniel Schreiber, Hannah Arendt und Karl Popper verweben sich mit den Bildern. Der Vortrag ist dicht, fast überbordend, aber nie beliebig. Er kreist um die Frage, woher Gesellschaft die Kraft nimmt, nicht zu verstummen.

Wenn wir nicht bereit sind, 
eine tolerante Gesellschafts-ordnung gegen die Angriffe der Intoleranz zu verteidigen, dann werden die Toleranten vernichtet werden und die Toleranz mit ihnen.

Karl Popper, Philosoph, 1902-1994

Wenn du in Situationen der Ungerechtigkeit neutral bist, hast du dich für die Seite des Unterdrückers entschieden. Wenn ein Elefant seinen Fuß auf den Schwanz einer Maus stellt und du sagst, dass du neutral bist, wird die Maus deine Neutralität nicht zu schätzen wissen.

Desmond Tutu, Erzbischof, 1931-2021

Besonders eindringlich wird es, als Schielke auf aktuelle KI-generierte Videos aus dem Iran eingeht. Menschen mit Lichtern in den Händen, die durch nächtliche Straßen ziehen. Keine Führungsperson, keine Bühne, nur viele Einzelne, die nebeneinander gehen. Das Licht kommt nicht von oben, sondern aus den Händen. In Zeiten von Internet-Blackouts wird das Smartphone nicht zum Kommunikationsmittel, sondern zur Lichtquelle. Hoffnung ohne Pathos, aber mit Wucht.

Hier kippt der Abend von der ästhetischen Betrachtung in eine politische Dringlichkeit. Schielke spricht von Desinformation, von der Macht sozialer Algorithmen, von autoritären Regimen und der Notwendigkeit, Intoleranz nicht mit falscher Toleranz zu begegnen. Kunst wird zum Seismographen gesellschaftlicher Spannungen. Und dann stellt er die entscheidende Frage: Was bedeutet all das für Lüdenscheid?

Vom globalen Panorama zur lokalen Verantwortung

Im zweiten Teil des Abends tritt Schielke ins Gespräch mit Dominik Hass-Sommer, Vorsitzender des Kulturausschusses in Lüdenscheid, und Pfarrer Michael Siol. Nach der globalen Perspektive wird es lokal. Doch das Gespräch wirkt nicht wie ein Bruch, sondern wie eine Fortsetzung auf anderer Ebene.

Hass-Sommer beschreibt, wie sehr sich die Wahrnehmung der Welt verändert, wenn man nicht durch soziale Netzwerke, sondern durch reale Begegnungen auf sie blickt. Wahlkampf, Vereinsarbeit, Lichtrouten – überall erlebe er Optimismus, Engagement, Gemeinschaft. „Die Realität ist oft eine ganz andere“, sagt er. Algorithmen verzerren, Begegnungen erden.

Siol greift diesen Gedanken auf. Hoffnung entstehe dort, wo Menschen einander freundlich begegnen. Gleichzeitig mahnt er, dass Werte Orientierung brauchen, die über Mehrheiten hinausgehen. „Viele mit Fackeln können auch ein Fackelmarsch sein“, sagt er und verweist auf die Notwendigkeit klarer ethischer Leitlinien.

Was hier entsteht, ist kein politisches Streitgespräch, sondern ein Nachdenken darüber, wie Kirche, Politik und Kultur gemeinsam Resonanzräume schaffen können. Hass-Sommer spricht über Bündnisse gegen Intoleranz, über demokratische Kompromisse, über Kultur als Ort der Begegnung. Siol erzählt von Begegnungsfesten, Picknicks bei der Feuerwehr, Kindermusicals – von hunderten Ehrenamtlichen, die Lichtmomente im Alltag schaffen.

Lüdenscheid erscheint an diesem Abend nicht als Provinz, sondern als Labor. Als Ort, an dem sich im Kleinen entscheidet, ob das Licht weitergegeben wird.

Die Kirche erweist sich dabei nicht als Kulisse, sondern als gleichwertiger Resonanzraum. Der sakrale Ort verstärkt die Wirkung der Bilder und Gedanken, ohne sie zu vereinnahmen. Hier wird nicht gepredigt, sondern reflektiert. Nicht moralisiert, sondern gefragt.

Am Ende bleibt kein pathetischer Schluss, sondern ein stiller Gedanke: Hoffnung bei Nacht ist möglich, weil sie getragen wird. Nicht von Einzelnen, sondern von vielen. Als die Besucher die Kirche verlassen, ist es draußen weiterhin dunkel. Doch das Licht aus den Fenstern begleitet sie ein Stück. Vielleicht ist das die eigentliche Pointe dieses Abends: Dass Kunst, Kirche und Gesellschaft nicht getrennte Sphären sind, sondern gemeinsam jene kleinen Flammen hüten, die der Dunkelheit widersprechen.


Hoffnung in die Zukunft zu setzen, kam auch bei den großzügigen Geldspenden am Ende der Veranstaltung zum Ausdruck. Dieser Betrag kommt der Kinder- und Jugendarbeit der Kirche Oberrahmede zu Gute.


Videos von den Projekten verschiedener Künstler:innen und Aktivist:innen sind unter diesen Links verfügbar: